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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020/21
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Förderung

"heimat.kunden"
Der Blog als Buch

Der Blogtext von „heimat.kunden“ (1.1. – 31.12.2020) ist soeben als limitierte und signierte Auflage (100 Exemplare) erschienen und kann ab sofort hier bestellt werden. Bitte per E-Mail an post@heimat-kunden.de



Dirk Raulf
heimat.kunden 2020

Limitierte und signierte Edition (100 Ex.)
August 2022
592 Seiten, ohne Abb.
28 Euro + VK


aus dem Buch:


Vorwort

Das Konzept der heimat.kunden entstand in mehreren Schritten. In der ersten Jahreshälfte 2019 trat Wolfgang Streblow (Fachbereich Kultur der Stadt Lippstadt) an mich heran mit der Frage, ob ich mir ein Jahr als „Artist in Residence“ in Lippstadt vorstellen könne. Etwa zur gleichen Zeit gab es erste Kontakte zum Verein „Kunst im Turm“ (KIT), wo man sich für 2020 ebenfalls ein Jahresprojekt vorstellen konnte. KIT bespielen den ehemaligen Flakturm auf dem Gelände einer vormaligen Wehrmachtskaserne, später der britischen „Churchill Baracks“. Der Turm ist ein architektonisch, historisch, akustisch und atmosphärisch außergewöhnliches Gebäude, das für die heutige Nutzung als Ausstellungsraum vor rund 20 Jahren saniert wurde.

Die Idee entstand, diesen Raum ein Jahr lang mit Texten, Bildern, Klängen allmählich zuwuchern zu lassen, begleitet von Veranstaltungen, Gesprächen, Workshops, mit regelmäßigen Öffnungszeiten, möglichst unter permanenter Anwesenheit des Künstlers. An der Nordseite sollte eine LED-Leuchtschrift wechselnde Text-Markierungen in Richtung Innenstadt aussenden. Der Raum sollte so im Laufe des Jahres allmählich zu einer Art „Heimat-Höhle“ werden.

Dieses erste Konzept musste aufgegeben werden; der Umfang des Projekts hätte den Rahmen der KIT-Aktivitäten wohl gesprengt. Nachdem aber die konzeptionellen Überlegungen bereits weit fortgeschritten und Fördergelder in Aussicht gestellt waren, entstand in einem zweiten Angang auf Grundlage des ersten Konzepts die Idee, heimat.kunden in Lippstadt als dezentrales Projekt durchzuführen, mit etwa 40 Veranstaltungen an verschiedenen Orten, unter Einbeziehung unterschiedlicher (Veranstaltungs-)Partner. Die geplante Tagebuch-Struktur oder „Wucherung“ sollte auf einer Website wachsen und gegen Ende des Jahres in der Jakobikirche in einer zweimonatigen Ausstellung dokumentiert und zu Ende geführt werden.

Anfang März 2020 wurden die noch ausstehenden Fördermittel zugesagt, am 7. März begann das Projekt live mit einem Doppelkonzert meiner Ensembles DEEP SCHROTT und d.o.o.r in der Jakobikirche. Unmittelbar in den Tagen darauf nahm bekanntlich das Covid-19-Drama seinen Lauf mit dem ersten Lockdown. Alle geplanten Veranstaltungen mussten abgesagt oder verschoben werden. Viele wurden ein zweites Mal geplant und sollten nunmehr im November/Dezember 2020 stattfinden. Pünktlich Anfang November 2020 folgte der zweite Lockdown. Neben einer partiellen Umsetzung von Veranstaltungen online wurde das Projekt daraufhin bis Ende 2021 und schließlich noch bis Mitte 2022 verlängert, um zu ermöglichen, Konzerte, Lesungen, Gespräche u. a. m. noch stattfinden zu lassen, Momentum hin, Momentum her.

Dr. Christine Schönebeck und Andreas Moersener boten mir an, heimat.kunden in einer Einzelausstellung in der Städtischen Galerie im Rathaus zu präsentieren. Die Ausstellung fand im April/Mai 2021 unter starken Einschränkungen statt, und wieder konnte das vorgesehene Begleitprogramm nicht stattfinden. Im Sommer 2021 und im November/Dezember desselben Jahres schließlich gelang es endlich, eine Reihe der geplanten Vorhaben durchzuführen, darunter Open-Air-Konzerte auf der Burgruine in Lippstadt-Lipperode sowie eine Reihe von 8 Gesprächen und musikalischen Begegnungen in der ehemaligen Lippstädter Synagoge.

Die Synagoge, eine der großen Entdeckungen des Projekts, konnte zwischen den Lockdowns am 20. September 2020 mit einem „Tag der Offenen Tür“ der Öffentlichkeit erstmals seit der Zerstörung 1938 zugänglich gemacht werden. Wie es dazu und zu der Zusammenarbeit vor allem mit Jürgen Overhoff kam; was daraus folgte, nämlich die Etablierung der Synagoge als Kulturraum und die Gründung des „Kulturraum Synagoge Lippstadt e. V.“, ist immer wieder Thema des Blogs, kann dort nachverfolgt und soll hier nur gestreift werden. Aktuelle Informationen sind inzwischen über die Website www.synagoge-lippstadt.de abrufbar.

Ich schildere die Genese und die von den Covid-19-Einschränkungen geprägte Durchführung des Projekts auch deshalb so ausführlich, damit man sich vorstellen kann, warum der tägliche Text-Blog unter diesen Umständen eine solch zentrale Bedeutung annahm und so umfangreich wurde. Ursprünglich waren die Einträge eher als kurze Notizen gedacht. Der Ausfall nahezu aller geplanten Veranstaltungen 2020 und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens ließen das Schreiben mehr und mehr zu einem täglichen Fluchtpunkt in der Corona-Krise werden, zu einer Recherche, die viel mehr Themen aus der Lippstädter Geschichte und Gegenwart untersuchte, als ich geplant oder für möglich gehalten hatte. Auf den Blog gab es viele überraschende und inspirierende Reaktionen (neben einzelnen, die weniger inspirierend waren), es entstanden Gespräche und E-Mail-Wechsel, Bekanntschaften und Freundschaften, und in der Lokalpresse fand das Projekt eine kontinuierliche und ermutigende Begleitung.

Der Blog wurde in der Ausstellung in der Städtischen Galerie auf mehreren Wänden als Laufschrift präsentiert; neben der Foto-Sammlung, der heimat.bibliothek, die nun einen Platz in der Thomas-Valentin-Stadtbücherei gefunden hat und dort zur Einsicht zur Verfügung steht, dem Klang-Archiv, das in Zukunft als Audio-Station im Stadtmuseum zu hören sein soll, sowie Fundstücken aus Lippstadt, die sich im Laufe des Jahres wie Strandgut angesammelt hatten.

Die ursprünglich geplante LED-Leuchtschrift mit dem gesamten Blogtext schien in der geplanten Form nicht mehr sinnvoll. Der Text steht nach wie vor neben den anderen Bestandteilen unter www.heimat-kunden.de zur Verfügung; er war in der Ausstellung komplett präsent und wird nun zusätzlich in Buchform zugänglich gemacht. Eine weitere, mithin vierte Präsentation als Laufschrift erschien redundant und war aufgrund des ursprünglich so nicht vorhergesehenen Umfangs von ca. 1,5 Millionen Zeichen schwer umsetzbar. Darüber hinaus war die technische Umsetzung mit den gegebenen Mitteln nicht mehr finanzierbar, da die Kosten für die LED-Wand und für den Transport aufgrund der sog. Corona-Krise exorbitant gestiegen waren.

Stattdessen ist nun die Installation headlight Teil der „Lichtpromenade Lippstadt“, des von mir 2003 konzipierten und seither kuratierten Lichtkunstwegs, der in Lippstadt und darüber hinaus so großen Anklang gefunden hat. Allabendlich streift ein Suchscheinwerfer, der an der Kanalbrücke am Lippertor montiert ist, über Wasseroberfläche und Uferböschungen. Für mich, der 1960 in Lippstadt geboren wurde, Kindheit und Jugend dort verbrachte, ist dies eine Lippstädter Urszene: auf einer Brücke stehen, das Wasser betrachten, die langsam von der Strömung bewegten Wasserpflanzen, die Tiere auf und unter der Oberfläche, die Spiegelungen der Wolken, Bäumen, Bebauung.

headlight setzt aber auch ein Zeichen, das für das gesamte Projekt heimat.kunden steht, in dem ich versucht habe, das zu dokumentieren, was mir 2020 in Lippstadt begegnet ist, wovon ich Kenntnis erhielt, was mir berichtet und zugetragen wurde, was ich recherchierte, gemutmaßt und erinnert habe – eine einjährige Suchbewegung und Recherche in der Herkunftsstadt, in meiner Vergangenheit und ganz allgemein zum vielgestaltigen, abgründigen Thema „Heimat“, das mich schon lange immer wieder und fast obsessiv umtreibt.

Der Blog liegt hier in durchgesehener und, wo es nötig schien, behutsam korrigierter Form vor. Das „Original“ findet sich nach wie vor zusammen mit Fotos, Sounds und Büchern unter www.heimat-kunden.de im Netz.

Meinen Dank spreche ich am Ende des Buches ausführlich aus. Es ist mir aber ein Bedürfnis, schon an dieser Stelle allen Verantwortlichen, allen Geldgeber*innen, Kolleg*innen, Partner*innen und Unterstützer*innen insbesondere für ihre Flexibilität und ihre Geduld zu danken, die es unter den obwaltenden Umständen ermöglicht haben, das Projekt in veränderter Form trotz allem zu realisieren und zu Ende zu führen. In diesem Sinne sei diese Veröffentlichung ihnen gewidmet.

Dirk Raulf